SonntagsBlick-Leitartikel zum Thema Corris & Co. vom 30.3.1997

von kevinbrutschin

NUR 38 PROZENT DER SPENDEN FÜRS ROTE KREUZ

(von Thomas Heer und Urs Moser)

Zürich – Sie gehen von Tür zu Tür und geben sich als Mitarbeiter des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) aus. Bei der Mitgliederwerbung arbeiten die Studenten aber vor allem in den eigenen Sack und die Tasche der Werbefirma Wesser und Partner.

„Gute Leistung – gutes Geld“
Mit diesem Slogan lockt die Firma Wesser und Partner Studentinnen und Studenten über Zeitungsinserate in ihren Dienst. Ausgestattet mit dem Rotkreuz-Ausweis und Namensschild, durchkämmen dieser Tage Dutzende von Jungwerbern die Deutschweizer Haushalte.

Die Annoncen versprechen nicht zuviel. SonntagsBlick liegt eine Abrechnung  aus dem Kanton Bern vor. Innert fünf Tagen sammelte ein Wesser-Werber mehr als 4000 Franken. Was die Spender nicht wissen: Je nach Provisionsstufe kassiert der Student mehr als 50 Prozent des Geldes selber ein. Von 100 Spenderfranken kann ein Sammler so im Idealfall 54 Fr. für sich abzwacken. Dazu kommen noch Abgaben an die Firma.

Wesser treibt seine Leute nicht nur übers Bankkonto zu Höchstleistungen an. Letztes Jahr folgten die besten Spendeneintreiber einer Einladung Wessers zu einer mehrwöchigen Mexikoreise. Dazu Helmut Wesser, Inhaber der Wesser GmbH in Stuttgart, der für seine Schweizer Niederlassung das Steuerdomizil Stansstad NW wählte. „Solche Anreize motivieren die Mitarbeiter, ob sie nun für eine Versicherung, Bank oder karitative Organisation arbeiten.“

Zu den Löhnen der Wesser-Werber sagt ein Redaktor der Zeitschrift  „Utopia“, die in ihrer letzten Ausgabe die Praktiken der Rotkreuz-Sektion Luzern enthüllte: „Ich sah eine Dreimonats-Lohnabrechnung von über 27 000 Franken.“ „Das ist unmöglich. Ein sehr guter Werber komm maximal auf 6000 Franken im Monat.“, wehrt sich Gregor Frei (Bild), SRK-Leiter in Luzern. Frei selber ist es bei dieser Art Geldbeschaffung nicht ganz wohl: „Ich nehme jeden mit Handkuss, der mir ein besseres, das heisst noch kosteneffizienteres Modell präsentiert.“ Trotzdem: Die Zusammenarbeit mit Wesser zahlte sich für die Luzerner aus. Die Zahl ihrer Passivmitglieder schnellte innert eines Jahres von 400 auf über 14 000 hoch. Nicht nur die Luzerner, sonder über 20 weitere Deutschschweizer Rotkreuz-Sektionen spannen unterdessen mit Wesser zusammen.

„Diese Werbung setzt Spender unter Druck“

Esther Meier, SRK-Leiterin in Aarau: „Unter dem Strich ist diese Methode am effizientesten.“ Wenn Wesser mit den Rotkreuz-Sektionen einen Vierjahresvertrag abschliesst, gehen im ersten Jahr 61,6 , im zweiten 45, im dritten 28,4 und im letzten Jahr 20 Prozent des Umsatzes an die Firma. Christopher Jenni, Wesser-Geschäftsleiter in der Schweiz, dazu: „Wir gehen davon aus, dass ein Mitglied nicht nur vier, sondern etwa acht Jahre regelmässig spendet. So bezahlt das Rote Kreuz pro eingenommenen Franken etwa 20 Rappen an uns.“ Nur: Auch die Durchschnittsquote von 20 Rappen je eingenommenen Franken stösst bei Edith Adler, Geschäftsleitungsmitglied der Zentralstelle der Wohlfahrtsunternehmen (Zewo) auf Kritik: „Sehr gut ist, wenn pro Franken nicht mehr als 10 Rappen aufgewendet werden.“

Adler bezeichnet die Mitgliederwerbung von SRK-Sektionen mit Wesser als „Witz“: „Prozentverträge, wie sie Wesser anbietet, lehnen wir strikte ab.“ Auch die SP-Nationalrätin Angeline Fankhauser, Geschäftsführerin des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks, missbilligt solche Praktiken: „Wenn Werbebüros vorgeschaltet sind, ist die Transparenz nicht mehr gewährleistet.“ Auch bei Caritas sind Prozentverträge verpönt. Caritas-Infobeauftragter Odilo Noti: „Mit dieser Art Werbung werden die Spender unter Druck gesetzt. Langfristig ist das kontraproduktiv.“

GREENPEACE: 860 000 FRANKEN FÜR NEUE MITGLIEDER

Zürich – Auch Greenpeace verlässt sich bei der Mitgliederwerbung auf die Dienste von Profis

Die Zürcher Wissmann, Friesacher & Co. arbeitet jedoch im Gegensatz zu Wesser nicht auf Provisionsbasis, sondern verrechnet Pauschalen. 860’000 Franken musste Greenpeace für eine landesweite Werbeaktion 1996 hinblättern. 14’000 Neumitglieder wurden so gewonnen. Jedes einzelne Mitglied hat die Organisation also 67,50 Franken gekostet – bei einem minimalen Jahresbeitrag von 50 Franken. Eine zweite, bis Mai laufende Aktion kostet 630’000 Franken. Man hofft auf 8000 neue Mitglieder. Rechne: Jede Neuanwerbung kostet die Umweltschützer 78,75 Franken. “Die effizienteste und billigste Methode”, ist Greenpeace-Mann Paul Tschurtschenthaler dennoch überzeugt. Weil die durchschnittliche Jahresspende 80 Franken betrage, sei die Aktion bereits im ersten Jahr kostenneutral.
Eine Fundraising-Firma nach Umsatz zu bezahlen, lehne man aus ethischen Gründen ab, sagt Tschurtschenthaler. Allerdings: Die Studenten, die Wissmann, Friesacher & Co. auf die Strasse schicken, arbeiten auf Provisionsbasis.

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