Warum Spenden heute keinen Sinn mehr macht (Post vom 8.9.2015)

von kevinbrutschin

aktualisiert am 16.8.2016

Spenden Sie auch regelmässig für den guten Zweck? Ich nicht mehr – und ich arbeite aus demselben Grund auch nicht mehr im Hilfswerkbereich. Zu viel Spendergeld fliesst heute nämlich in die Spenderanwerbung (Fundraising) anstatt in Hilfsprojekte.

Martina Ziegerer, Chefin der Hilfswerkkontrollstelle Zewo: HSG-Abschluss als diplomierte „Ja-Sagerin“

 

Der Hilfswerkbereich ist in der Vergangenheit stark gewachsen (SonntagsZeitung, 23.11.2013), während die Gesamtspendenmenge (bzw. das Spendenvolumen) mit dieser Entwicklung nicht mithalten konnte. Logische Folge: Der Anteil eines einzelnen Hilfswerks am Spenderkuchen ist stetig gesunken. Als Reaktion darauf haben speziell die grossen Hilfswerke immer mehr Spendergelder in immer aggressivere und fragwürdigere Sammelmethoden gepumpt, wobei im Besonderen Strassen- und Haustürsammlungen zu nennen sind. Zumal solche Sammlungen nicht mal von den Hilfswerken selbst, sondern von externen Spendensammelfirmen durchgeführt werden (diese Fundraisingagenturen streichen i.d.S. nebst Löhnen auch mit Spendergeld bezahlten Profit ein – obwohl sie ja eigentlich im NON-Profit-Bereich tätig sind und dies dort sinngemäss illegitim ist). Und selbstverständlich brechen die Spendeneinnahmen auch bei diesen neuartigeren Sammelformen zunehmend ein. Bspw. lässt sich aus einem Beitrag im Hausmagazin von Swissaid vom April 2015 herauslesen, dass für Sammelnde fünf Abschlüsse pro Tag bereits ein Erfolg(!) seien. Anfang 1997 deutete der Besitzer der grössten Fundraisingagentur Corris (damals noch unter dem Namen „Wissmann, Friesacher & Co.“ unterwegs) hingegen an, dass 50 Neu-Mitgliedschaften pro Woche für etwas bessere Sammelnde absolut machbar seien (K-Tipp, 26.3.1997). Fazit: Die Anzahl Spendenzusagen pro Tag einer sammelnden Person sind von ca. acht bis zehn (um 1997) auf heute ca. zwei bis vier zurückgegangen, wobei es eher Richtung zwei als vier geht (die Firma ONG Conseil hat jüngst, bzw. am 19.7.2016 in der Westschweizer „le courrier“ sogar von lediglich zwei bis drei Scheinen gesprochen – siehe Post vom 25.7.2016)! Das hat gewaltige finanzielle Auswirkungen: Für eine Jahresaktion, welche 1000 Manntage umfasst, blätterte Amnesty International 2013, also noch relativ aktuell, gemäss Weltwoche vom 4.4.2013 850’000 Fr. hin. Rechne: Bei drei Abschlüssen pro Tag werden in 1000 Manntagen 3000 Neumitglieder generiert, bei zwei wären es sogar nur noch 2000. Kommt die Corris AG auf einen Dreierschnitt, garniert sie für die Findung eines einzigen neuen Mitglieds 283 Franken von einem Hilfswerks (850’000 Fr./3000). Bei schlechtem Verlauf einer Aktion, d.h. wenn eine sammelnde Person im Schnitt nur zwei neue Mitgliedschaften pro Tag schafft,  sind es 425 Franken (850’000 Fr./2000)! Ein spendendes Mitglied zahlt bei einem durchschnittlichen Jahresbeitrag von 150-200 Franken demzufolge heute unter Umständen die ersten zwei und auch noch rund die Hälfte der dritten Jahresspende quasi an Corris!

Für eine Aktion im Jahr 1997 zahlte Greenpeace noch 630’000 Franken, wobei damals mit der Gewinnung von 8000 neuen Mitgliedern gerechnet wurde. Ergo, bzw. 630’000 Fr./8000, gab die Umweltschutzorganisation für jede Neuanwerbung 79 Franken aus (SonntagsBlick, 30.3.1997). Kurz: Die Kosten eines Hilfswerk für eine Neumitgliedschaft sind von ca. 80 Franken um 1997 auf heute über 300 Franken gestiegen!

Das Allerschlimmste aber kommt erst noch: Aus Angst, ihre Spenderschaft zu verprellen, haben die Hilfswerke schon vor Jahren damit begonnen, falsche Angaben zu machen (von den Agenturen sowieso ganz zu schweigen) – mit dem Segen der Hilfswerkkontrollstelle Zewo, wohlverstanden! Für das krasseste Beispiel sorgte Stefan Stolle von Helvetas im Kassensturz vom 21.12.2010: “Unter dem Strich kostet uns ein Spender, den wir auf der Strasse gewinnen, 70 Franken im ersten Jahr.” Hier wurden locker um rund dreifach zu tiefe Kosten vorgetäuscht!
Wobei, die Zewo-Geschäftsleiterin Martina Ziegerer, die gleich nach Stefan Stolle selbst in derselben Kassensturzsendung auftrat, toppte dessen Aussage gar noch: Obwohl sie nämlich zweifellos bestens Bescheid wusste um die Zahlenverdrehung, zeigte sie null Reaktion! Naja, Stefan Stolle kennt als ehemaliger Kommunikationschef von Caritas Zürich ja aber auch einen gewissen Odilo Noti bestens. Und dieser Odilo Noti, Kommunikationschef von Caritas Schweiz, ist der Mann der Zewo-Geschäftsleiterin, wie die Handelszeitung bereits 2011 enthüllt hat!
Der Kassensturz hat im Übrigen dann selbst für die nötige Klarstellung gesorgt, und zwar in der Sendung vom 14.5.2013, wo die 70 auf 200 Franken „korrigiert“ wurden. (Anmerkung: Bei den 200 Franken handelte es sich um eine äusserst entgegenkommende Schätzung, denn sie stützte sich auf eine Aktion, mit der die Corris AG damals auf ihrer Website warb und nach derjenigen der „Break-even nach zwanzig Monaten“, bzw. 1.66 Jahre,  erreicht sei. Es handelte sich also um eine „Referenzkampagne“, d.h. eine Kampagne, die gut gelungen ist und zu dem Zeitpunkt vor allem auch schon länger her war.)
Genau genommen macht Spenden heute demnach nicht nur keinen Sinn mehr, weil immer mehr Spendengelder ins Fundraising fliessen, sondern eigentlich noch viel mehr, weil man heute sowohl Hilfswerken als auch Kontrollstellen weder glauben noch trauen darf.

Es kommt aber nun noch eine sich heikel entwickelnde andere Kennziffer dazu: Die durchschnittliche Bleibezeit eines Mitglieds bei einer wohltätigen Organisation. Im SonntagsBlick von 1997 wurde diese von der fürs Rote Kreuz anwerbenden Wesser GmbH noch mit 8 Jahren beziffert. Nimmt man die Aussage vom damaligen Amnesty Marketingleiter Paul Tschurtschenthaler: „Für jeden investierten Franken bekommen wir drei zurück“ im Tages-Anzeiger vom 27.4.2011 als Ausgangspunkt, waren es demnach 2011 aber nur noch 5 Jahre, bzw. 1.66 (siehe oben) x 3, was natürlich wieder mal ziemlich entgegen der Erklärung von Helvetas-Stefan Stolle: „Jedes Mitglied … bleibt während fünf bis sieben Jahren Spender“ ist. Heute wird es der logischen Entwicklung folgend nochmal ein – zwei Jahre runtergegangen sein, d.h. die Bleibezeit wird realistischerweise noch irgendetwas zwischen 3 und 4 Jahren betragen.

Tatsächlich hat die BBC 2010 in England sogar aufgedeckt, dass 50% oder sogar mehr aller Mitgliedschaften bereits im ersten Jahr wieder gekündigt werden!  Gerundet dürften heute bestenfalls (Kosten von zwei Jahresspenden, Spendendauer von vier Jahren) 50%, bzw. die Hälfte aller Spendeneinnahmen an die Agenturen gehen, schlechtestenfalls (Kosten von zweieinhalb Jahresspenden, Spendendauer von drei Jahren) 80% aller Spendeneinnahmen (selbstverständlich über die gesamte Spendendauer gesehen, nicht nur das erste Spendenjahr betreffend)

Fazit: Dieses Sammelsystem rentiert für die Hilfswerke kaum noch. Einzig durch das (fragwürdige) Aufschwatzen immer höherer Spendenbeiträge kann Corris die negative Zahlenentwicklung etwas abfedern.

 

Kevin Brutschin – Ex-Mitarbeiter Fundraising bei Terre des hommes Kinderhilfe & Médecins sans frontières (Ärzte ohne Grenzen)

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