Grosse und/oder bekannte Hilfsorganisationen haben ihre Glaubwürdigkeit – und damit ihre Existenz – endgültig verspielt (11.2.2016, aktualisiert am 25.2.2016)

von kevinbrutschin

 

Chugger in London street

Nirgendwo so verhasst wie in England: Hier als „Rotes Kreuz“-Leute getarnte Spendensammelnde von kommerziellen Fundraisingagenturen

 

„Ich für meinen Teil bin fertig mit Hilfswerken, die im öffentlichen Raum zum Spiessrutenlauf einladen. Es gibt zum Glück Alternativen; Institutionen, die mein Geld nehmen, ohne dass sie mich zuerst für dumm verkaufen.“

 

Nein, die obige Einleitung stammt nicht vom Autor, sondern ist einem neuen und just anfangs Februar online-geschalteten Artikel des St. Galler Magazins „Saiten“ entnommen. E-n-d-l-i-c-h schreibt jemand in einem Medium mal Klartext.

Der gute Zweck dient lediglich als Verkaufsargument

Eigentlich ist es ganz einfach: Wer gemeinnützigen Organisationen, die mit Sammelfirmen zusammenarbeiten, eine Spende zukommen lässt, sollte sich bewusst sein, dass damit eine (aus solchen Agenturen gebildete) „Schattenwirtschaft“ unterstützt wird, die – BEI GENAUEM HINSCHAUEN – gar nichts mit dem guten Zweck zu tun hat, sondern diesen im Gegenteil als „Verkaufsargument“ missbraucht.

Kosten heute: Unter Umständen ÜBER zwei Jahresspenden pro Neumitglied

Und der Artikel vergisst auch nicht die neben der ethischen Problematik („Profit mit Non-Profit“) und der fehlenden Transparenz (siehe 1. Februar-Post) schockierend hohen Preise der Fundraisingfirmen zu erwähnen: Bis die Hilfswerk-Ausgaben für eine Sammelaktion durch Neuspendergelder wieder „reingeholt“ sind, kann es heute ÜBER zwei Jahre dauern. (Die im Artikel genannten eineinhalb Jahresspenden sind nicht mehr aktuell, da bei solchen Kampagnen immer weniger Neuspendende gefunden werden. D.h. es dauert immer länger, bis die Aktionskosten gedeckt sind, oder kurz: Das Verhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben verschlechtert sich kontinuierlich.) Nachtrag (25.2.2016): Und um gleich noch mit einer weiteren Horrorzahl, die unter englischen Fundraisern im Umlauf ist und von der BBC bereits 2010 erwähnt wurde, nachzulegen; ca. 50% aller Neuspendenden kündigen ihre Mitgliedschaft bereits im ersten Jahr wieder! Man muss sich mal vorstellen, was das heisst. Nämlich dass von der Hälfte aller Neumitglieder, obwohl sie immerhin eine Jahresspende geleistet haben, sozusagen nicht nur kein einziger Spenderfranken beim Hilfswerk angekommen ist, sondern dass dieses für die „glorreiche“ Tat, dass man als NeuspenderIn gefunden wurde, sogar noch MASSIV „draufgelegt“ hat!!!

Einst „gute Menschen“, heute „Gutmenschen“

Seit 20 Jahren werden nun also Leute auf der Strasse oder vor der eigenen Haustüre verarscht. Und trotz ununterbrochener, praktisch weltweiter Kritik und Einbruch der Verkaufszahlen in sämtlichen Ländern, beharren die meisten Non-Profit-Organisationen so arrogant wie stur weiter auf der Kooperation. Heutige Hilfswerkverantwortliche fühlen sich als „professionelle“ gute Menschen moralisch schlicht jeder aussenstehenden Kritik überlegen.

Das Wort „Selbstkritik“ noch nie gehört

Bestes Beispiel: Fundraising-„Expertin“ Jasna Sonne, neben dem damaligen Fundraisingdirektor Daryl Upsall und Ex-CEO Thilo Bode DIE hauptverantwortliche Person für das von Greenpeace verursachte F2F-Chaos (Sonne hatte mit dem Chef der Ur-Agentur „DialogDirect“, Franz Wissmann, 1995 die ersten Strassensammelversuche in Österreich begleitet). Noch 2011 meinte diese Jasna Sonne zum Trend, dass mehrere Organisationen – darunter Greenpeace selbst(!) – in Österreich auf „in-house“, d.h. Eigendurchführung der Aktionen umgestellt hatten (was auch die Leiterin der Arbeitsrechtsabteilung der Arbeiterkammer Wien als eindeutige „Verbesserung“ beschrieb): „… ich glaube langfristig nicht daran…“ und weiter: „… es gibt ja sehr gute Agenturen, die uns – die NGOs – mit Herz und Know-how unterstützen.“ (aus dem Fundraising-Magazin „Fundiert“, Ausgabe 1/2011). Und das schrieb der österreichische „Standard“ zwei Monate später zur selben Angelegenheit: „Die Horrorgeschichten sind bekannt: Die Agenturen, die die Keiler einstellen, üben massiven Druck auf sie aus. Der Lohn beruht grossteils auf Prämien für geworbene Spender, und “schreibt” jemand innerhalb der normalen Arbeitszeit nicht genug Leute, muss das ganze Team bleiben, bis das Soll erfüllt ist… (zu Arbeitsbedingungen bei DialogDirect siehe auch taz vom 29.8.2014). Braucht es hier wirklich noch einen Kommentar?

Umdenken? Denkste!

Zu altes Beispiel? Heute werde ehrlich kommuniziert? Ok, Probe aufs Exempel; NZZ von letztem Monat (7.1.2016): „Der WWF Schweiz … arbeitet seit mehr als zehn Jahren mit der Agentur Corris zusammen.“ Diese Lüge hat die Witztruppe vom WWF bereits dem Kassensturz im Jahr 2013 verzapft („So arbeitet beispielsweise der WWF bereits seit 10 Jahren mit der Firma zusammen, sagt Sprecherin Corinna Gyssler“). D.h. also seit 2003 oder 2004. Das stimmt aber nicht. Was der WWF verheimlichen will ist Folgendes; Berner Zeitung, 4.8.1999(!): „Der WWF trennt sich aus „ethischen Gründen“ von der Firma Corris, die bisher Mitglieder für die Umweltorganisation rekrutierte. Die Trennung wurde durch die Kündigung von zwei Temporärmitarbeitern verursacht. Der WWF wurde von der Gewerkschaft Unia über die Kündigung der beiden Rekruteure aus der Westschweiz bei Corris informiert. Corris hielt die gesetzlichen Fristen nicht ein und zahlte Spesen nicht aus.“ Braucht auch keinen Kommentar mehr, oder? (Die NGO Helvetas schaffte es übrigens, in Sachen Falschaussagen den WWF noch zu überflügeln  – siehe Post vom 8.9.2015). Oder vielleicht doch, aber wegen eines anderen Punktes. Die Unia hat also damals  beim WWF interveniert wegen der Sammelfirma. Erstaunlich: Die Gewerkschaft ist heute selber bei einer solchen, nämlich der Ten Fe GmbH. Und wenn wir schon dabei sind: Könnte das auch der Grund dafür sein, dass die linke WOZ als praktisch einzige grössere Zeitung in der Schweiz noch nie über das Phänomen geschrieben hat?

„Wer zu lange auf dem Holzweg war, kann nicht mehr zurück.“

Es ist eigentlich ganz einfach: „Wer zu lange auf dem Holzweg war, geht in der Regel nicht mehr zurück.“ UND ER/SIE KANN DANN AUCH NICHT MEHR ZURÜCK! Oder mit anderen Worten: Selbst wenn die betroffenen Hilfswerke jetzt noch ihren gigantischen Fehler zugäben, würde sich nicht mehr viel am Vertrauensverlust ändern, beziehungsweise: Ein Schuldeingeständnis wäre zwar menschlich empfehlenswert, da damit die Voraussetzung zum Verzeihen geschaffen würde.  Aber ein solcher Prozess des Verzeihens würde, nachdem so viel „Geschirr zerschlagen wurde“, ebenfalls viel zu viel Zeit erfordern, bis das nötige „Basisvertrauen“ wieder da ist. Kurz: Es ist schlicht und einfach zu spät.

Beste Lösung = Auflösung

Und damit gibt es auch nur noch eine vernünftige Lösung, und die lautet: Auflösung sämtlicher Non-Profit-Organisationen, welche bis vor Kurzem oder sogar heute noch mit F2F-Sammelfirmen zusammengearbeitet haben, bzw. zusammenarbeiten – und sei es auch nur eine einzige Ländersektion (Greenpeace hätte ausserdem als erste Organisation, die mit einer „Streetfundraising-Agentur“ kooperiert hat, eine besondere Verantwortung gehabt, der sie nie wirklich nachgekommen ist, nämlich sich 100% von Sammelfirmen zu distanzieren). Eine Auflösung wäre die mit Abstand beste Lösung für alle Parteien, wenn auch für kurze Zeit ein etwas Unordnung auslösendes „Vakuum“ entstehen würde.

Verstoss gegen eigenes Berufsethos

Eine Auflösung, z.B. wegen Verstosses gegen das eigene Berufsethos – in praktisch allen ethischen Fundraising-Richtlinien, wie z.B. in denjenigen des FundraiserInnenverbandes „Swissfundraising“ sind Worte wie „Ehrlichkeit“, „Wahrhaftigkeit“ oder „Aufrichtigkeit“ zu finden („Fundraiserinnen und Fundraiser handeln ehrlich und wahrhaftig, so dass öffentliches Vertrauen gesichert sowie Spendende und Spendenempfangende nicht irregeführt werden“); wie „aufrichtig“ ist es aber, wenn bei Sammlungen nicht klar kommuniziert wird, dass die Mitarbeitenden von profitorientierten Agenturen sind? –  würde sogar noch dem Grundsatz „Gnade vor Recht“ entsprechen, denn genau genommen müsste man bspw. die Hilfswerkverantwortlichen, d.h. in erster Linie CEOs & Fundraisingverantwortliche der betreffenden NGO noch zusätzlich bestrafen (in England werden vom zuständigen Parlamentskomitee seit Neuestem bspw. Strafen von bis zu zwei Jahren Gefängnis für fehlbare Fundraiser gefordert). Übrigens ein willkommener Nebeneffekt einer Auflösung: Der Hilfswerksektor würde damit „gesund schrumpfen“.

Auf den Punkt gebracht: Weitere nötigen Massnahmen

Aber auch dann bräuchte es selbstverständlich noch weitere Massnahmen, wie generell die Rückbesinnung auf die dem NGO-Bereich zugrundeliegenden ethischen Prinzipien (Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit), deren Einhaltung natürlich auch kontrollierbar sein müssten. Dass Spendesammelfirmen in Zukunft verboten gehören, ist sowieso unerlässlich, und gilt selbstverständlich auch für andere Sammelmethoden, wie bspw. Telefonaktionen. Anstelle der Zewo braucht es ausserdem eine neue, glaubwürdige Kontrollstelle. Und die Sektorlöhne müssen runter. Schlussendlich gilt es auch noch das unsägliche „NGO-Lobbying“ zu begrenzen.*

Man soll die Dinge beim Namen nennen: Aufruf zum Boykott

Nur: Wer vollzieht diese Auflösung? Bei allem Respekt, aber auf die Schweizer Politik ist bei dieser Angelegenheit erfahrungsgemäss kein Verlass. Es bleibt also nur eines: Die Spenderschaft muss endlich restlos aufwachen und die betreffenden NGO knallhart boykottieren (dann werden auch die anderen Entwicklungen angeschoben). D.h. diesen keine Spenden mehr zukommen lassen, egal welcher Art (letztendlich werden solche Stuss-Aktionen wie mit Corris von einer NGO ja aus einem „Spendertopf“ gezahlt, in den Spendergeld aus allen möglichen Kanälen reingeflossen ist).

Und jetzt noch die für die Schweiz wichtigsten Non-Profit-Organisationen, die man nicht mehr unterstützen sollte: SRK – Schweizerisches Rotes Kreuz (bei der Agentur „Wesser“); Swissaid, Helvetas, Action Aid, WWF – World Wide Fund For Nature, SKS – Stiftung für Konsumentenschutz, Vier Pfoten, Solidar Suisse – ehemaliges Schweizerisches Arbeiterhilfswerk, SGB – Schweizerischer Gehörlosenbund, Pro Juventute, Pro Infirmis, Plan International, Green Cross, Caritas, Unicef, VCS – Verkehrs-Club der Schweiz (alle bei Corris); Pro Natura (bei Imis); Unia, Amnesty International, Médecins sans frontières – Ärzte ohne Grenzen, Gesellschaft für bedrohte Völker (alle bei Ten Fe), Terre des femmes (bei Lecho); Greenpeace, Save the children (bspw. bei „The Fundraising People“/Australien), Terre des hommes (bspw. bei „Pepperminds“/Deutschland), World Vision (bspw. bei „DialogDirect“/Österreich).

 

* Natürlich ist auch eine Neuausrichtung im Bereich der konkreten Hilfsprojekte, speziell in der Entwicklungshilfe, nötig (siehe bspw. WOZ-Beitrag & Interview mit der Autorin von „Die Mitleidsindustrie“ im Januar-Post). Nur hat der Autor mit diesem Themas (noch) zu wenig Erfahrung. Es wäre i.d.S. anmassend, sich hierzu zu äussern.

 

DAS IST DAS ENDE: Die beiden englischen Zeitungen „Sun“ und „Guardian“ haben erst gerade einen weiteren Skandal aufgedeckt, in den ausgerechnet die Face2Face „Pionier“-Agentur Wesser verstrickt ist (Wesser machte bereits 1968 die ersten Haustürsammlungen fürs Rote Kreuz, in der Schweiz seit 1981). Siehe neuesten Post vom 15.3.2016


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