Auszüge aus Buch „Drücker in Uniform“ (Post vom 22.5.2016, aktualisiert am 26.10.2016)

von kevinbrutschin

Kennt jemand den Film „American Honey“ (2016)? Geht um eine „Drückerkolonne“ (eine Truppe von Hausierenden, wobei inzwischen auch die Spendensammelnden auf der Strasse immer öfter so genannt werden), die den Leuten im ländlichen Amerika Abonnements für Zeitschriften andreht. Bis ein 18 Jahre altes Teenie (Sasha Lane), die so ihren schwierigen Familienverhältnissen entkommt, nicht mehr bereit ist, bei den Mitleid heischenden Lügnereien, die man den Leuten als Verkaufsargumente auftischt, mitzumachen – und sich dazu noch in den Starverkäufer der „Räuberbande“ (Shia LaBoeuf) verliebt!

Nun ist es selbstverständlich noch etwas anderes, ob eine kommerzielle Werbefirma an Haustüren Staubsauger oder Mitgliedschaften für gemeinnützige Organisationen „verkauft“ (wobei es allerdings ja eben auch „Mischformen“ gibt; siehe bspw. auch Münsterlandzeitung vom 16.6.2016). Tatsächlich kam 1999 bereits ein Buch über NGO-Drückertum heraus! Es ist leider vergriffen, aber der Blogbetreiber hat für die doch hoffentlich interessierte Leserschaft trotzdem ein Exemplar aufgestöbert (um Rückschlüsse auf Beteiligte zu verunmöglichen, wurden teilweise Namen, Handlungsorte und Zeitabläufe verändert). Und gleich vorweg, bzw. was ich bemerkenswert finde: Die AUF DEN ERSTEN BLICK verführerisch suggerierten „Abenteuer“, welche die Drückerkolonne im Film erlebt (tatsächlich beuten die Drücker und Drückerinnen ja die Leute genauso aus, wie sie selbst ausgebeutet werden), konnte und kann man ja auch hierzulande, bzw. in den deutschsprachigen Ländern, erleben – ich habe diese „Krasse Erlebnis“-Passagen des Buches aber bewusst ausgelassen bei meiner Auswahl (um das geht es nämlich nicht)…

 

AUSGEWÄHLTE PASSAGEN AUS „DRÜCKER IN UNIFORM“ – Insiderbericht über dubiose Werbemethoden von Wohlfahrtsverbänden

(von Mike Redhorn)

 

Aus dem Vorwort:
Zeitungsschlagzeilen wie … „Das Geschäft mit dem Mitleid“ oder Berichte über „Sammler in Uniform“, denen es nicht um die „Gute Tat“ geht, vielmehr nur um den eigenen Vorteil, werden immer häufiger … Obwohl faktisch abhängiger als Angestellte, arbeiten diese Werber auf der Basis „freier selbständiger“ Handelsvertreter … Drücker leben allein vom Verkauf ihrer Produkte, sie müssen sie an den Mann bringen, nur Erfolg zählt. Da sie stets unter hohem Erfolgsdruck stehen, müssen sie selber Druck ausüben … daher auch die vom Volksmund geprägte Bezeichnung „Drücker“. Auch vorgeblich „gemeinnützige Ziele“ dienen nur als Vorwand dafür, um eine möglichst hohe Provision … zu erzielen … Ich habe lange, viel zu lange, Gelegenheit gehabt, als ein „Drücker“ für Hilfsverbände, diese Form der Werbung kennenzulernen … Ich appelliere an die Einsicht der Verbände, die ihre Spendenwerbung mit Hilfe von Drückerkolonnen durchführen, dass sowohl der gute Ruf der Basis, wie auch der, der als Werbeträger verwendeten Persönlichkeiten, durch diese imageschädigende Form von „Öffentlichkeitsarbeit“ mit beeinträchtigt wird. In den oberen Etagen dieser Hilfsverbände muss dringendst ein Gesinnungswandel eintreten, muss man sich zu einer „sozialen Grundeinstellung“ zurückbesinnen und diese nicht nur von seinen Arbeitnehmern fordern … Es tut mir aufrichtig leid, dass leider auch ich in den Jahren meiner Tätigkeit als Drücker für Wohlfahrtsorganisationen mitgeholfen habe … ein falsches Bild über die Hilfsorganisationen zu machen, die ich vertrat … Sicher war viel Gedankenlosigkeit dabei … Dennoch schäme ich mich aufrichtig. Wenn sich Spender betrogen fühlen, wenden sie sich ab und spenden gar nicht mehr …
Aus dem Hauptteil:
… Ein Mercedes der grösseren Klasse stoppte an der Tankstelle. Der Fahrer … tankte und eilte an die Kasse … Als er einsteigen wollte, fragte ich ihn, ob er Richtung Berlin fahre (und ich mitfahren könne) … „OK, ausnahmsweise.“ … Eine Zeit lang sagte mein Fahrer nichts … (dann:) „Kennen Sie den Hilfsbund Black Point?“ Natürlich kannte ich den Hilfsbund Black Point … im Rettungs- und Sanitätsdienst sowie der häuslichen Krankenpflege tätig, betreibt Altenpflege und Behindertenheime … Auch bei internationalen Hilfsaktionen infolge von Naturkatastrophen, bei Hungersnöten oder während kriegerischer Auseinandersetzungen hatte sich der Verein „Black Point“ einen Namen gemacht. Herr Rosenthal, wie sich mein Fahrer nun vorstellte, war „Werbeleiter“ des „Black Point“ in Norddeutschland. Das stimmte, wie sich später herausstellte, nicht ganz, vielmehr war er Inhaber einer Werbeagentur, die im gesamten norddeutschen Raum Mitgliederwerbung für den Hilfsbund Black Point betrieb … Ich konnte mir unter Mitgliederwerbung nichts vorstellen. Aber die Verdienstmöglichkeiten hörten sich gut an, und schneller konnte ich zu keiner neuen Stellung kommen …
… Erich, der „Gruppenleiter“ … sollte mich anlernen … Wir gingen zur ersten Klingel … Eine gebeugte, ältere Dame mit grauem Haar öffnete … „Frau Meyer“, Erich hatte den Namen schnell vom Türschild abgelesen „… Sehen Sie, wir haben ja immer mehr Alte und Kranke, die Hausbetreuung benötigen, gepflegt werden müssen. Vom Rettungsdienst gar nicht zu reden. Heute morgen sprach ich erst mit einem Sanitäter darüber, was wir bei dem wechselhaften Wetter für Herzinfarkte haben! Gestern haben wir einen Patienten zwei Stunden liegen lassen müssen, weil alle Wagen unterwegs waren. Ich darf es Ihnen eigentlich gar nicht sagen, aber da kamen wir zu spät. Das war so ein älterer Herr, es hätte mein Opa sein können und der wäre zu retten gewesen! Sie hätte die Augen seiner Frau sehen sollen, so etwas kann keiner ertragen!“ Erich … war … ein fantastischer Schauspieler … Fast schien es, als würde er in Tränen ausbrechen! „So etwas darf nicht vorkommen! Da sind wir alle gefragt, etwas zu ändern … So wollten wir Sie fragen, ob Sie nicht mit einem ganz kleinen Beitrag bei uns Mitglied werden könnten. Fünf oder zehn Mark im Monat haben Sie doch auch einmal über. Das wird dann abgebucht, das merken Sie gar nicht und Sie haben wirklich etwas Gutes getan.“ … Sie nickte. „Na ja, fünf Mark im Monat kann ich von meiner Rente noch übermachen.“ …
… Ich war in meinen Gedanken schon an der ersten Tür, die ich nun allein ansteuern musste. Schwergewicht, das hatte ich gehört, war also der Rettungsdienst. Da man tagsüber, wie mir Erich erklärt hatte, ohnehin überwiegend Alte antrifft, zieht das immer. Was von Infarkten erzählen, dramatisieren … Nach nur eineinhalb Stunden hatte ich meine ersten sechs Mitglieder… Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, war, dass ich an meinen Aufnahmen wohl achtzig Mark verdient hatte, Rosenthal aber glatt mehr als das Doppelte dafür einstrich… Damals… war diese Art von Mitgliederwerbung an der Haustür noch etwas ganz Neues. Rosenthal war auf die Idee gekommen, hatte mit seiner Werbefirma den Vorläufer gemacht und erzielte nun mit seinen Drückerkolonnen für den Hilfsbund Black Point sagenhafte Mitgliederzuwachsraten… Rosenthal und auch mein zukünftiger Gruppenleiter Erich, der durch eine Superprovision ebenfalls zusätzlich an mir verdiente, waren hoch zufrieden …
… Ich hatte immer meine vierzig bis achtzig Mitglieder, manchmal über Hundert (in der Woche). Auf tausendfünfhundert Mark in der Woche kam ich so immer, oft waren es weit über zwei- bis an die dreitausend Mark … Ich war zu jung und oberflächlich, um mir Gedanken darüber zu machen, dass ich nur ein kleiner, schäbiger Drücker war, der seine Existenz durch Täuschen und Betrügen verdiente …
… Rosenthal ging viele Wege, um zu neuen Mitarbeitern zu kommen. So liess er Anschläge in Universitäten aushängen. Wir bekamen auf diesem Weg viele Studenten für die Werbung an der Haustür, aber die konnten ja nur in den Semesterferien arbeiten … So dauerte es nicht lange, bis in politisch links gerichteten Studentenschriften und an den Informationstafeln in den Universitäten vor der Black Point Mitgliederwerbung gewarnt wurde, wobei auch über die Perspektive diskutiert wurde, dass Rosenthal, je weniger er an die Werber auszahlte, desto mehr in seiner Kasse behielt, denn die Provision, die er selber vom Hilfsbund Black Point erhielt, war ständig gleich…
… Ich musste Hamburg verlassen, da ich ein „Werbeverbot“ bekommen hatte. Irgendein arroganter Typ hatte mich an der Haustür angemacht und ich hatte ihm darauf zu deutlich gesagt, was er für mich wäre und was er mich könne … Ich kündigte bei Rosenthal und begann in der freien Wirtschaft ein relativ sorgenfreies und normales Leben. Anfang der Neunziger Jahre stand ich jedoch durch Arbeitslosigkeit wieder vor dem „Aus“ … Auch mit Rosenthal ging es wechselhaft voran … Die Erträge waren ständig gesunken, da mittlerweile zu viele Hilfsverbände sich gegenseitig die Mitglieder abjagten … Zudem hatte der Bundesverband vom Hilfsbund Black Point eine eigene Werbefirma gegründet … um sich von „unlauteren Drückermethoden von dubiosen Werbekolonnen“ abzugrenzen … Ich bewarb mich bei der neugegründeten Black Point-eigenen Werbefirma, die überregional in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz für weiteren Mitgliederzuwachs mit Hilfe von Drückerkolonnen sorgen sollte … Ich traf den sogenannten „Organisationsleiter“ der Werbefirma vom Black Point, Herrn Karl Maus … Wir wohnten zentral in Oldenburg, wurden dort gut und preiswert in einem Hotel untergebracht. Fantastisches Frühstück, eine erstklassige Küche und charmanter Service: Wir waren rundum zufrieden …
… Die Presse wurde eingeschaltet … Herr Maus kam pünktlich. Eilig wies er uns an, zurückhaltend zu sein, da er die grösste Presseerfahrung hätte. „Mit den Burschen von der Presse kann ich umgehen, den Kerl seif‘ ich schon ein!“ Der Pressevertreter, ein jüngerer Mann in Begleitung einer Fotografin eröffnete mit ernster Miene, dass er von einer Bewohnerin angerufen worden wäre, „es wären schlimmste Drücker unterwegs, und so was will man hier auf dem Lande überhaupt nicht!“ Herr Maus konterte sofort mit charmantem Lächeln: „Wo sehen Sie hier einen Drücker?“ Er erzählte, dass wir alle „feste“ Mitarbeiter wären, ordentliche Mitarbeiter der Black Point-eigenen Werbefirma, geschult in allen sozialen Bereichen, die niemals „drücken“ würden. „Die Leute hier geben sich auch mit einem Schulterklopfen zufrieden, wenn sie erfolgreich waren!“ Der Mann log mit einem umwerfenden Charme, absolut glaubhaft, dabei lebte er selber von Provisionen! Wir fielen fast vom Stuhl. Genauso stand es am nächsten Tag in der Zeitung. Karl Maus kam strahlend in unser Hotel … Dann wies er uns an … „Den Artikel an der Haustür vorzeigen ist wichtiger als der Black Point-Ausweis!“ … Ich schrieb, auch mit Hilfe des Zeitungsartikels, ganze Dörfer komplett auf. Ein Dorf mit sechzig Häusern und Gehöften brachte zum Beispiel 57 neue Mitglieder … Es war sagenhaft … Es kam sogar einmal ein „Beschwerdeanruf“ einer älteren Dame, dass ich bei der Nachbarin gewesen, sie aber ausgelassen und nicht geklingelt hätte … Karl Maus, der Organisationsleiter der Black Point-eigenen Werbefirma hatte sich bei mir in der Zwischenzeit immer unbeliebter gemacht … Merkwürdigerweise waren genug Leute vorhanden, um seiner Ehefrau, die nach eigenen Aussagen „durch Haushalt und Kinder eigentlich kaum Zeit hatte“, gleich mehrere Gruppen zuzuschanzen, für die sie viele Tausender monatlich an Superprovision verdiente. Auch andere Familienmitglieder, wie Bruder und Schwager, wurden mit eigenen Werbegruppen und erfolgsversprechenden „Gebieten“ bedacht. Dass Frau Maus anlässlich einer Weihnachtsfeier sogar einen wertvollen Prei s für höchste Gruppenumsätze bekommen konnte, ist bezeichnend für den beim Black Point und auch anderen grossen Hilfsorganisationen oft vorhandenen FilzEs hatte mit der Black Point-eigenen Werbefirma so hoffnungsvoll begonnen. Doch wieder kam Frust auf… Die Werbung in der Black Point-eigenen Agentur war das Unsozialste, was ich je kennengelernt hatte …
… Ich habe tatsächlich Drücker erlebt, die bei einer Absage von älteren oder hilfsbedürftig aussehenden Bürgern provozierend eine Kopie des „Kontrollbogens“ hervorzogen und dreist fragten, „was soll ich nun als genauen Grund eintragen, warum Sie uns nicht fördern wollen?“ Wenn dann erschrocken nachgefragt wurde, wozu man dies notiere, erklärte man, dass natürlich Mitglieder „bevorzugt“ betreut und versorgt werden würden. „ Oder wie würden Sie es halten, wenn zehn Nachfragen sind und aus personnellen Gründen nur fünf betreut werden könnten? Da sind wir doch unseren Förderern zuerst verplichtet!“ …
… Anzumerken ist für den Leser, dass Drücker sehr häufig sexuelle Kontakte an der Haustür erleben. Dies ist selbstverständlich. Es sind täglich bis zu einhundert Haushalte, die angesprochen werden. Viele der Angetroffenen sind allein und einsam. Die als seriös bekannte Uniform eines Hilfsbundes schafft die Basis dafür, um nicht nur die Tür zu öffnen, nein, die Besuchten öffnen sich vielfach von selbst. Sie sind froh, sich einmal mitteilen zu können und erzählen dabei oft nicht nur über ihre Ängste, sondern auch über intimste Probleme, Wünsche und Hoffnungen. Der Drücker ist meist freundlich, nimmt sich Zeit und hört geduldig lächelnd zu, auf die Gelegenheit lauernd, das Gesprächsthema möglichst unauffällig auf „sein Produkt“ zu bringen, eine Mitgliedschaft in einem „gemeinnützigen“ Verein. Davon lebt er. Aber unabhängig von einer Unterschrift auf seinem Aufnahmeformular ist er ganz sicher sogar froh, nach anstrengendem Marsch von Tür zu Tür, selbst Vertrauen zu erfahren, eingelassen und vielleicht sogar nett bewirtet zu werden. Genau diese Atmosphäre ist es, die aus freundlichem Zuspruch Berührungen, vielleicht zunächst nur seelischer, werden lassen, die die Vorstufe zu körperlichen Zärtlichkeiten und Sex sind… Aber auch wenn diese schönen „schwachen“ Stunden im nachhinein als nicht angenehm empfunden werden sollten, Scham hindert die Besuchten, davon zu erzählen. Wenn ein Drücker dem neuen Mitglied vielleicht stundenlang seine Zeit gewidmet hat, fällt es schwer, ihn mit „Almosen“ abzuspeisen, mit einer hohen Spende wird die Zeitaufwendung freiwillig kompensiert. Wie viele gelangweilte Hausfrauen freudig die Gelegenheit zum Seitensprung nutzen, da der Partner gleichgültig, uninteressiert, ständig auf Geschäftsreise oder einfach auch nur überarbeitet ist … wir Drücker konnten es hautnah erleben …
… Unsere „Schwestern“ setzten Charme und Sexualität meist sehr viel gezielter ein, öffneten schnell einen Knopf der Bluse ihrer Tracht, liessen viel Bein sehen oder boten gar eine kostenlose „völlig selbstlose“ Massage an. Eine Bezahlung, „Liebeslohn“, wurde nie offen verlangt. Es gab ein schönes „Trinkgeld“ und einen unterschriebenen Aufnahmeschein für einen Wohlfahrtsverband. Beide Seiten wahrten ihr Gesicht …
… ich hatte einmal mehr die Schnauze wieder restlos voll und kündigte fristlos … Ich entschloss mich, mir (wieder) einmal zur Überbrückung eine private Werbefirma anzusehen. Die Firma von Stadelmann und Partner hatte mich neugierig gemacht. Ich entschloss mich, für … Stadelmann zunächst für … Black Point in Dortmund tätig zu werden. Herr Stadelmann selbst fuhr mich, um mich im dortigen Landesverband vorzustellen … Er hatte einen selbstmörderischen Geltungsdrang, musste mir unbedingt zeigen, wie schnell er seinen Ferrari fahren konnte und möglichst viel dabei, während der halsbrecherischen Fahrt, telefonieren. Fortan fuhr ich lieber mit seinem Partner, in der teuersten BMW-Luxuslimousine auch wesentlich komfortabler. Das waren nicht die einzigen Fahrzeuge der Firma Stadelmann. Man lebte auf grossem Fuss von den Spenden, die eigentlich für soziale, gemeinnützige Dinge gedacht waren … Es war ein strenges Reglement, das mich erwartete. Nun war es mir klar, warum Stadelmanns Leute höhere Umsätze bringen mussten als andere Drücker… „Zöpfchen“, wie ich den Gruppenleiter „taufte“, fuhr zwischendurch sogar mit dem Bus die Strassenkarrees ab, um zu kontrollieren, ob „seine“ Leute auch an den Haustüren waren, versäumte dabei auch nicht, in sämtliche in der Gegend liegenden Cafés und Kneipen einen Blick zu werfen. Er lebte vor allem von seinen Superprovisionen … Diesen Erfolgsdruck, der von allen Firmen, die mit Drückern arbeiten, gezielt eingesetzt wird, musste er weitergeben. So „schiss“ er jeden, den er beim unerlaubten Pausieren erwischte, erbarmungslos zusammen, da konnten zwanzig Gäste kopfschüttelnd mithören…
… Am Abend … klopfte es an meiner Zimmertür. Ivo, ein junger Mann aus Bosnien, stand vor mir, der erst wenige Wochen in der Gruppe von Zöpfchen als Drücker arbeitete … Der muskulös und stämmige wirkende Mann hatte Hände wie ein Holzfäller. Zöpfchen schluckte wohl nicht allein deshalb seine Worte, vor allem brachte Ivo viele Mitgliedsaufnahmen von Landsleuten, bei denen seine anderen Mitarbeiter keinen Fuss in die Türe bekommen hätten. Aber … er brachte zusehends weniger Mitglieder und an diesem Tage, als er vor meiner Tür stand, war es keines gewesen… „Mike, komm einmal auf mein Zimmer, ich muss mit dir reden!“ … Ivo war in Deutschland geboren und hatte es schwer in seinem Leben. Vom Pizzabäcker, Kellner, Autoverkäufer bis hin zum „Rauswerfer“ in einer Diskothek hatte er viele Berufe versucht … Er liess sich von der bosnischen Armee anheuern, um für die Freiheit seines Landes gegen die serbische Besatzung zu kämpfen … „Über den Krieg will ich dir nichts erzählen, da ist zu viel Blut im Spiel.“ … Als er nach Deutschland zurückgekehrt war, fand er durch ein Zeitungsinserat der Werbefirma Stadelmann und Partner Beschäftigung in der Werbung für „soziale Hilfsorganisationen“ und hoffte dabei, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig in seiner Heimat zu helfen … „Mike, ich wollte helfen und nicht betrügen. Ich will und kann nicht bescheissen … Wir erzählen den Leuten, wir wären „sozial“ tätig. Wer von uns ist so ehrlich, zuzugeben, von den Spenden zu leben? Alle von uns heucheln doch vor, soziale Vorbilder zu sein, aktiv die Freizeit für Hilfsbedürftige zu opfern und zusätzlich selber finanzielle Beiträge zu zahlen. Ich muss kotzen! … Diese Spenden, die ich durch Falschaussagen und Lügen von meinen Landsleuten bekomme, sind Diebstahl und Betrug. Wenn jemand, vielleicht hungrig, aus finanzieller Not heraus, einer Rentnerin die Handtasche wegreisst, dann schreit alles „Verbrecher“. Aber was wir tun, ist viel schlimmer. Diese Scheinheiligkeit, mit der wir in unserer Uniform belügen und bescheissen, mein Gott, bei Allah, das ist so widerlich, ich kann das nicht mehr. Hier zockt doch jeder von den Spenden ab, erst ich, dann der Kolonnenführer und die Werbefirma hat die klebrigsten Finger, da bleibt am meisten hängen. Zum guten Schluss leben auch bei den Hilfsverbänden ganze Abteilungen von den Spenden. Wo ist da etwas Gutes dabei? Wir heucheln vor, barmherzige Engel zu sein, und wollen dabei nichts anderes als nur selber an das Geld, so wie der Vampir an das Blut!“…
… Die ehrliche Einstellung von Ivo war es, die ihn daran hinderte, als Drücker erfolgreich zu sein. Zöpfchen versuche nun, Druck auf ihn auszuüben, um mehr Scheine „rüberzubringen“ … Ivo hatte ihn gefragt, wie es möglich sei, dass Hilfsverbände auf solche Art Spenden werben. „Wissen die überhaupt, was an der Haustür gelogen werden muss, um erfolgreich zu sein? So eine unseriöse Werbung kann doch kein Verein wollen!“ „Sieh in deinen Vertrag!“ hätte Zöpfchen geantwortet, „wird sind selbständige Handelsvertreter. Da müssen wir schon selber sehen, wie die Kohle rüber kommt. Natürlich steht auch im selben Vertrag, dass wir keine falschen Tatsachenbehauptungen oder Versprechungen abgeben dürfen. Aber wenn wir keine Scheine haben, gibt es keine Mark. Da fragt keiner, ob dein Magen knurrt und eine Goulaschkanone gibt es auch nicht, für eine kostenlose Suppe. Die grinsen dir in dein Gesicht und denken dabei, du bist eine faule Sau oder aber unfähig. Wer unredlich, mit falschen Argumenten wirbt, muss aufhören, und wer nichts bringt, muss auch aufhören und vielleicht zum Sozialamt laufen. So einfach ist das! Also lüg und rede nicht drüber und wenn andere reden, behaupte, du machst es anständig. Es guckt dir keiner vom Verband über die Schulter, ausserdem wissen die ganz genau, dass keiner, der voreilig seine Unterschrift unter einen Mitgliedsvertrag gesetzt hat, die Wahrheit sagt, wenn er kündigen will. Die sind alle „gelinkt und überrumpelt worden“, da sind wir immer die „Bösen“. Das weiss jeder vom Verband. Lüg die Mitglieder ruhig voll, denn niemand wird ihnen glauben, wenn sie sich beschweren.“ … Ivo … schluchzte … „Der beste Lügner und Märchenerzähler wird bei uns honoriert, die Ehrlichen verhungern. Genauso ist es! … Mensch, Mike, ich höre jeden Tag von meinen bosnischen Landsleuten, wie sie sich Sorgen machen um ihre Angehörigen, die unter Hunger, Regen, Wind und Kälte leiden, ich denke an die vielen armen Kinder und ich soll aus dieser Not meinen eigenen Vorteil ziehen? Mike, das ist die widerlichste Krätze, die ich je erlebt habe! Ich kann und will das nicht mehr.“ Ivo begann hemmungslos zu weinen, griff nach einer Rolle Toilettenpapier, die er mitgebracht hatte, um damit seine Tränen zu trocknen. Ich schämte mich vor ihm … Betrug, arglistige Täuschung, Nötigung, mein Gott wie viele Straftatsbestände kennt unsere deutsche Rechtssprechung, um solch skandalösen Spendengeschäften das Handwerk zu legen! Selbst in als „Bananenrepubliken“ diffamierten Staaten würde wohl kaum eine Justiz jahrzehntelang solchen Praktiken zuschauen …
… Kriege und Katastrophen, die in erschütternden Bildern von Presse und Fernsehen gezeigt werden, wecken neben Mitleid die Spendenbereitschaft … Leichter als mit Hilfe von Katastrophen und menschlichen Tragödien kann ein gewiefter Drücker sein Geld nicht verdienen … Es ist in der Tat verwunderlich, dass trotz vieler Hinweise und Warnungen … im Fersehen … oder in der Presse … immer wieder uniformierte Drücker in das Haus gelassen und Unterschriften unter Einzugsermächtigungen für angeblich „gemeinnützige“ Hilfsverbände gesetzt werden … Der Skandal dabei ist, dass angesehene Hilfsorganisationen Drückerfirmen echte Uniformen, Ausweise und Legitimationen mit korrektem Briefkopf und Telefonnummern zur Verfügung stellen … Uniform und Ausweis eines als seriös bekannten Hilfswerks werden fast immer blind vertraut …
… Ich hatte ohnehin keine Lust mehr, für zweifelhafte Hilfsorganisationen als Drücker von Tür zu Tür zu laufen, und ein lustloser Drücker verdient schon überhaupt keine Mark mehr, da die Leute an den Haustüren natürlich spüren, dass jegliche Überzeugungskraft fehlt. Ich entschloss mich, meine „Drückerkarriere“ zu beenden … Ich kehrte den sogenannten „gemeinnützigen Hilfsverbänden“ endgültig den Rücken, fand mit viel Glück wieder einen „seriösen“ Arbeitsplatz und konnte ein neues, besseres Leben beginnen …

 

CORRIS & CO.-HINTERGRUNDBERICHT I (nimmt vorwiegend Bezug auf Situation in CH), aktualisiert im Juni 2015

CORRIS & CO.-HINTERGRUNDBERICHT II (nimmt vorwiegend Bezug auf internationale Entwicklung), Oktober 2015

NEWS-SHEET (ab Oktober 2015 bis heute)

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