6 dummdreiste Gierhälse führen weltweiten Hilfsorganisationssektor in Kollaps (Post Juni 2016)

von kevinbrutschin

«EIN „BISSCHEN“ FLUNKERN IST ERLAUBT, ES GEHT JA UM DIE GUTE SACHE!»

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Wohltätigkeits-Strassenräuber: „Ja, ich bin blöd.“

Das eine bekannte Hilfsorganisation in Konkurs geht, ist i.d.R. so selten wie eine Sonnenfinsternis. Dem englischen Hilfswerk „Kids Company“, dass sich für unterprivilegierte Kinder & Jugendliche einsetzte und deren Gründerin 2008 in England noch zur Person des Jahres gewählt wurde, ist genau dies jedoch letztes Jahr passiert. Und Hilfswerkpleiten könnten im heutigen, überdimensionierten NGO-Sektor durchaus bald zum Normalfall werden. Nicht zuletzt, da der Unmut über Sammelzusammenarbeiten mit mafiösen Sammelfirmen für zunehmende Spendenverweigerung sorgt. Diejenige Schweizer Organisation, die am nächsten an einem Bankrott vorbeischrammte, kommt aus einem ähnlichen Bereich wie Kids Company. Die Rede ist von Pro Juventute. Die altehrwürdige Stiftung, die bisher jeden Skandal überlebt hat („Kinder der Landstrasse“) kann in ihrem Stiftungsrat auf so namhafte Persönlichkeiten wie die Frau von „Blick“-Boss Michael Ringier (siehe Post vom 27.7.2016) oder bis vor Kurzem auch den ehemaligen Eidgenössischen Finanzchef Peter Siegenthaler (SP) zählen (der auch im Verwaltungsrat der Schweizerischen Bundes Bahnen sitzt, welche die umstrittenen Spendensammlungen gegen Standmieten in Bahnhöfen gutheisst – siehe Zürcher Oberländer-Beitrag). Und nicht zuletzt konnte man noch FDP-Bundesrat Didier Burkhalter als „Botschafter“ gewinnen. Pro Juventute  war jahrelang in den roten Zahlen, und schaffte erst 2012 den (Halbwegs-)Turn around. Dieser kam ebenfalls auf höchst dubiose Weise zustande. Man vertraute sich nämlich Ende der Nullerjahre der berüchtigten Fundraisingagentur Corris an, die auf Strassen und vor Haustüren durch Abschlüsse von (automatischen Bankkontoabzug ermöglichenden) Lastschriftverfahren Mitglieder für Hilfswerke anwirbt. Tatsächlich war im K-Tipp vom 16.11.2005 („Vorsicht, aggressive Spendensammler“) noch zu lesen: „Pro Juventute findet Lastschriftverfahren, ob auf der Strasse oder an der Haustür, zu aufdringlich.“

Helmut Wesser

Corris startete in der Schweiz bereits 1996 für Greenpeace. Ins Leben gerufen wurde die AG vom Österreicher Gerhard Friesacher. Friesacher hatte seine Sporen schon viel früher als Haustürsammler in Deutschland abverdient, wo die vom damals lediglich +/- 20-jährigen Helmut Wesser gegründete Wesser GmbH (wird heute von Martin Wesser weitergeführt) als erste Fundraisingagentur dieser Art überhaupt schon seit 1968 fürs Deutsche Rote Kreuz (DRK) „Face-to-face“-Sammlungen durchführte (und nach einer gewissen „Anlaufzeit“, in der immer mehr andere Organisationen dazu kamen, auch schon für mächtige Kritik sorgte – siehe Auszüge aus Buch „Drücker in Uniform“).

Martin Wesser

1994 gründete Friesacher mit seinem Geschäftspartner und anfänglichen Oberboss Franz Wissmann, der zuvor lange bei Wesser tätig war,  dann bereits eine erste Sammelfirma namens DialogDirect in Österreich, welche ebenfalls erst Haustürsammlungen durchführte.

Franz Wissmann

Doch der Spendenmarkt war zu der Zeit bereits eng geworden, da viel zu viele neue Hilfsorganisationen in ihn gedrängt waren.

Gerhard Friesacher

So kam DialogDirect-Mann Andreas Leitner, ebenfalls ein ehemaliger „Wesser“-Jünger, nur ein Jahr später an einem heissen Sommertag auf die „glorreiche“ Idee, einfach mal spontan draussen antreffenden Leute Mitgliedschaften aufzuschwatzen. Schnurstracks gings mit einer Sammeltruppe zur nächsten Badeanstalt. Und es funktionierte! Sogleich wurde eine Testreihe mit Greenpeace aufgegleist: „Street Fundraising was born!“

Andreas Leitner

Und natürlich lief auch dieses Sammelsystem anfangs bombig. Der Rekordtag wurde anlässlich eines Rolling Stones-Konzerts verzeichnet: 20 Sammelnde schafften damals in nur 2 Stunden ganze 400 Abschlüsse; d.h. 20 Scheine pro sammelnde Person! Zum Vergleich: Im noch recht aktuellen Beitrag der Weltwoche von 2013 («Ein „bisschen“ flunkern ist erlaubt, es geht ja um die gute Sache! ») schafften 4 Sammelnde in einem halben Tag bspw. noch lediglich 4 Scheine. Nun ging es Schlag auf Schlag. DialogDirect expandierte in alle Herren Länder. Gerhard Friesacher zog es ins reiche Nachbarland, die Schweiz, wo er die Corris AG gründete. Franz Wissmann stationierte sich mit DialogDirect in Berlin. Und Andreas Leitner versuchte sich mit dem vierten wichtigen Kopf hinter Dialog Direct, Robert Buchhaus, welcher selbst die Agentur „Face2Face Fundraising“ eröffnete, im Speziellen in den USA und England. Leitner und Buchhaus formten dazu ein internationales Agenturnetzwerk, das heute unter dem Namen „Generous Global Giving“ berüchtigt ist.

Robert Buchhaus

Schliesslich entstanden so sogar zwei länderübergreifene Netzwerke, ein regelrechtes „Fundraising-Imperium“. Sämtliche Akteure hatten den Kopf verloren. Die Agenturen wegen der Zaster versprechenden, zahlreichen Anfragen von Hilfsorganisationen, und diese selbst durch in die Höhe schnellende Mitgliederzahlen. Dabei wäre der folgende, katastrophale Verlauf anhand der Entwicklung der Haustürsammlungen in Deutschland problemlos vorauszusehen gewesen. Und es kam, wie es kommen musste. Den Anfang vom Ende machte 2009 der unter dubiosen Umständen erfolgte Konkurs von „DialogDirect England“ (Thirdsector), gefolgt von einem Beinahe-Totalkollaps des ganzen Sammelsystems in Österreich 2011 (Der Standard). Leider schafften es die Agenturen, wieder Fuss zu fassen, was aber nur zu noch grösserem öffentlichen Unmut führte – und einen vorläufigen letzten Höhepunkt in einem vielbeachteten Satirebeitrag über die mit der Agentur „Face2Face Fundraising“ (Buchhaus) kooperierenden Umweltschutzorganisation Global 2000 in der Tagespresse (2016) fand.   In Nordamerika eröffnete die Staatsanwaltschaft gegen „DialogDirect USA“ wiederum bereits 2009 ein Gerichtsverfahren (KBKW-News), aus dem sich DialogDirect allerdings relativ unglimpflich „herauskaufen“ konnte, noch bevor es richtig begonnen hatte. Und in Deutschland sorgten letztens vor allem zwei taz-Beiträge für mächtig Negativschlagzeilen (taz, 5.3.2013 & taz, 29.8.2014). In der Folge brachen die Zahlen auch bei Strassensammlungen weltweit mehr und mehr ein.

Setzt man heute die Spendeneinnahmen den Aktionsausgaben für die Hilfswerke gegenüber, schaut nur noch ein „Miniplus“ raus. Letztes Jahr sind in England bereits mindestens fünf Agenturen Konkurs gegangen (Telegraph). Eine Kettenwirkung ist vorprogrammiert. Entweder die Politik, die leider in gewissen Ländern viel zu gute Beziehungen zum Hilfsorganisationssektor pflegt und damit ihrer Unabhängigkeit in dieser Angelegenheit beraubt ist, überwindet sich und setzt dem „Nonsens“ ein Ende (den sie selbst dummerweise mitverantwortet hat). Oder dann geht es halt so lang, bis das Vertrauen der Spenderschaft völlig weg ist, d.h. nicht nur sämtliche involvierte Hilfswerke untergehen, sondern auch zahlreiche andere in den Strudel gezogen werden. Eine befriedigende Lösung ist nicht mehr zu erreichen, man kann eigentlich nur noch das Schlimmste verhindern. Aber das wäre ja immerhin auch noch etwas.

 

 

 

 

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