Inwieweit ist Politik in „Affäre Corris“ verwickelt? (Post vom 13.7.2016)

von kevinbrutschin

Corris-Spendensammler im Auftrag von Helvetas

Während sich das Spendensammelverbot auf Strassen bspw. in England immer mehr durchsetzt (siehe Post vom 16.6.2016), haben kommerzielle Fundraisingagenturen, welche die Sammelaktionen i.d.R. für die Hilfsorganisationen durchführen, in der Schweiz NOCH grösstenteils freie Bahn (neueste Ausnahme: Winterthur – siehe Post vom 12.7.2016). Das ist umso skandalöser, da sich die teuren Kampagnen für die NGOs inzwischen kaum noch rentieren: Es machen ja immer weniger Leute mit (siehe aktualisierten Post vom 28.6.2016)! Doch hinter dem Freischein steckt eine äusserst dubiose Geschichte. Vor ca. 10 Jahren war dieses Sammelsystem in vielen Schweizer Städten nämlich noch verboten. Zürich hob dieses Verbot bspw. 2005 auf, was zweifellos Signalwirkung auf andere Städte hatte (K-Tipp vom 23.3.2005: „Spenden im Abo“). Pikant dabei: Der damalige Zürcher Bürgermeister, Elmar Ledergerber, ist heute Präsident der Entwicklungshilfeorganisation Helvetas. Helvetas ist immer wieder negativ in den Schlagzeilen. Im Speziellen, weil das Hilfswerk zweifellos das „Verfilzteste“ aller NGOs ist, und ihm demzufolge auch massenhaft Bundesgelder zufliessen. Die WOZ schrieb bereits 2005 im Artikel „Filzreiche Hilfe“: Ein Grüppchen von Dritte-Welt-AktivistInnen „wählte 1955 einen Basler Unternehmer zum Präsidenten, liess sich von einem gutbürgerlichen Vorstand kutschieren und holte sich seinen ersten Bundeskredit beim FDP-Bundesrat Max Petitpierre“.

„Filzreiche Hilfe“: Bundesrat Max Petitpierre

Doch damit ist die Kritik nicht zu Ende. Helvetas arbeitet ausgerechnet mit der berüchtigten Sammelfirma Corris zusammen, und musste deswegen unter anderem 3x im Kassensturz antraben, mit jeweils höchst zweifelhaften Auftritten, wohlverstanden (ebenfalls aktualisierter Post vom 28.6.2016). Es gibt ausserdem eine spannende Vorgeschichte von Helvetas zur Zürcher Verbotsaufhebung (damals war sie noch bei der kleineren Agentur Imis unter Vertrag).

SP-Elmar Ledergerber: Auffällige Verbindungen

Das Hilfswerk und der ehemalige Stadtpräsident von Zürich blicken nämlich auf eine lange gemeinsame Zeit zurück. Der vor seinem Bürgermeisteramt im Nationalrat politisierende Ledergerber hatte in jüngeren Jahren im Auftrag des Entwicklungshilfswerks ein viele Jahre dauerndes „Hängebrückenprojekt“ in Nepal realisiert. 2012 dann, kurz vor seinem Amtsantritt als Helvetas-Präsident fusionierte die Helvetas gar mit der von ihm präsidierten NGO „Intercooperation“, die vorwiegend von staatlichen Aufträgen lebte. Die unabhängige Vereinigung von Entwicklungshilfespezialisten „IDEAS“ kritisierte damals: „Mit Intercooperation wird ein mit staatlichen Mitteln hochgebrachter Apparat an eine bevorzugte NGO verschenkt“. Helvetas erhielt also noch mehr Bundesgelder, 2014 bspw. 72 Millionen Franken(!), was ihr zum nicht wirklich ruhmreichen Titel des mit Abstand am meisten Steuergelder einheimsenden Hilfswerks verhalf. Die Frage liegt also auf der Hand, inwieweit die zahlreichen Verbindungen zwischen Elmar Ledergerber und Helvetas bei dem komplett unverständlichen Zürcher Entscheid der Aufhebung des Strassensammelverbots mitgespielt hat (wer übrigens denkt, dass sei die heikelste Beziehung zwischen einem hochrangigen Volksvertretenden  und einer Non-Profit-Organisation, sollte erst noch den Post vom 8.12.2015 anschauen…).

 

Zewo-Chefin Martina Ziegerer

So oder so gab es allerdings Schützenhilfe durch die Hilfswerkkontrollstelle „Zewo“. Diese hatte ihr Verbot – ja, auch die Zewo hatte die Methode verboten(!) – Anfang 2005 nämlich ebenfalls aufgehoben (bereits erwähnter K-Tipp-Artikel vom 23.3.2005). Ihr damaliges Argument: Das Sammelsystem „sei (inzwischen) international üblich“! Eine äusserst fadenscheinige Begründung. Denn Greenpeace, die erste Hilfsorganisation, welche weltweit Strassensammlungen dieser Art durchführen liess und somit auch am meisten Erfahrung damit vorweisen konnte, hatte bereits ein Jahr zuvor in England verkündet, dass man den Ausstieg aus der Kollaboration beschlossen habe (Guardian, 7.3.2004: „Public Irritation forces charities to end chugging“).

Odilo Noti von Caritas Schweiz 

Aber auch in der Schweiz selbst waren „Wohltätigkeits-Strassenräuber“ zu jener Zeit schon heftig umstritten. So hatte etwa die Sonntagszeitung dem Thema bereits ein Jahr zuvor einen vernichtenden Leitartikel gewidmet ( „Illegales Geldsammeln für Greenpeace, WWF und Co.“ ), wo auch das damals noch gültige Stadtverbot erwähnt wird. Auch hier drängt sich demzufolge eine Frage auf: Was ist denn der wirkliche Grund für den fatalen Zewo-Entscheid gewesen? Wie wär’s damit: Der Mann der seit 2003 amtierenden Zewo-Chefin; Odilo Noti, ist Kommunikationschef & Fundraisingverantwortlicher der Caritas (Handelszeitung vom 15.12.2011: „Hilfloses Werk“). Nicht allzu lange nach der Verbotsaufhebung durch Zewo und Städte waren demzufolge plötzlich Wohltätigkeits-Strassenräuber von Corris mit T-Shirts eines neuen Kunden unterwegs… der Caritas.

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