Landbote-Artikel zum Thema Corris & Co. vom 27.1.2017 + Analyse (Leserbrief des Blogbetreibers in Landbote-Printausgabe vom 4.2.2017)

von kevinbrutschin

Bildergebnis für spendensammler strasse

Ohne ein Schwätzchen mit einem Spenden- oder Unterschriftensammler kaum möglich: Flanieren in der Winterthurer Altstadt

 

Empfohlene Beiträge: DE: Interview mit Blogbetreiber als Experte in „Ketzer Podcast“ (November 2016) – AU: Zusammenarbeit mit Spendenfirmen entwickelt sich zum Bumerang für Hilfsorganisationen (Februar 2017)

 

In Winterthur sind schon seit einiger Zeit Bestrebungen im Gange, endlich etwas gegen die Spendensammelmafia auf den Strassen zu unternehmen (siehe Post vom 11.7.2016). Winterthur ist ja auch die einzige Grossstadt der Schweiz, wo keine linke Dominanz herrscht in der Politik. Leider sind aber auch die Mitte-Parteien mit dem NGO-Sektor verbandelt – einfach etwas weniger… 

 

WINTERTHUR: WARUM DIE FDP NICHT GEGEN SPENDENSAMMLER VORGEHEN WILL

Dass die Freisinnigen und die GLP den Vorstoss für schärfere Regeln gegen Standaktionen nicht unterstützten, stösst Ladenbetreibern in der Altstadt sauer auf

In einem Protestbrief machten Heinz Schudel (Junge Altstadt) und Peter Bosshart (Gemeinschaft Marktgasse) ihrem Ärger Luft: Warum hatten die GLP und die FDP am Montag im Gemeinderat das Postulat zur Eindämmung der Standaktionen an der Marktgasse nicht unterstützt? Insbesondere die Verkäufer, die im Auftrag von Hilfswerken auf der Gasse Passanten ansprechen, seien ein Ärgernis, findet Goldschmied Peter Bosshart.

«Es sind schlicht zu viele.» Vor seinem Geschäft am Justitiabrunnen sind an manchen Tagen bis zu drei Stände aufgebaut. Ein Vorbeikommen, ohne angesprochen zu werden, sei fast unmöglich. «Ständig hören wir Beschwerden von unseren Kunden», sagt Bosshart. «Manche sagen, sie würden die Marktgasse inzwischen regelrecht meiden und auf andere Gassen ausweichen.»

Aggressives Vorgehen

Schudel bestätigt das: «Manche dieser Verkäufer treten sehr aggressiv auf. Sie laufen Velofahrern am Graben vors Velo und zwingen sie zum absteigen. Oder sie sprechen Kunden, die ein Schaufenster betrachten von hinten an und sagen: Wenn Sie Geld für Schmuck haben, haben Sie auch Geld für hungernde Kinder.»

«Wenn Sie Geld für Schmuck haben, haben Sie auch Geld für hungernde Kinder.» 

Die Hoffnung, dass die Politik sich mit diesem Thema beschäftigen muss, hat sich mit der Nicht-Überweisung des Postulats nun fürs erste zerschlagen. Eine offene Konfrontation blieb dann aber aus. Als FDP-Fraktionspräsident Stefan Feer von dem noch nicht veröffentlichten Brief erfuhr, bemühte er sich hinter den Kulissen, die Wogen zu glätten. Daraufhin zogen die Ladenvertreter ihren Protestbrief zurück. «Wir reden lieber direkt miteinander als über die Zeitung», sagt Schudel von der Jungen Altstadt.

«Gehört in einer Stadt dazu»

Doch die Frage bleibt: Warum stimmte die FDP, die sich gerne als Schutzherrin der KMU anpreist, in diesem Fall gegen ein Anliegen aus dem Gewerbe? «Die Nutzung des öffentlichen Raums ist bereits jetzt ein hoch reglementierter Bereich», sagt Stefan Feer. Aus liberaler Sicht stehe er noch mehr Regulierung kritisch gegenüber. Aktionen im öffentlichen Raum gehörten für ihn zu einer vielfältigen und attraktiven Stadt, sagt Feer. «Wer angesprochen wird, und nicht interessiert ist, kann einfach Nein sagen.»

«Wer angesprochen wird, und nicht interessiert ist, kann einfach Nein sagen.»

Dass die FDP das Postulat nicht unterstützt habe, liege aber auch an der «breiten» Formulierung, sagt Feer. «So wie wir die Vorlage verstanden, wären auch Strassenmusiker betroffen – und möglicherweise sogar wir Parteien selbst, im Wahlkampf und bei Unterschriftensammlungen.»

Der Verfasser des Vorstosses, der frühere CVP-Gemeinderat Matthias Baumberger schüttelt den Kopf: «Das war ganz sicher nicht gemeint. Es ging um die professionellen Spendensammler. Diese hat die FDP nun geschützt, auf Kosten des lokalen Gewerbes.» Zudem sei ein Postulat nur ein grober Handlungsauftrag an den Stadtrat; diesem stehe es frei, einen präziseren Vorschlag zu formulieren.

Das Mass überschritten

«Wir freuen uns über eine belebte Altstadt», sagt Peter Bosshart. Mit Strassenmusikern oder Politikern an Infoständen gebe es zwar auch weiteren Absprachebedarf, aber weniger Probleme. Bei den Spendensammlern hingegen sei das Mass «grauenhaft» überschritten. «Zur Aura eines Geschäfts gehört auch der Platz vornedran», findet Bosshart. Das entspannte Einkaufserlebnis sei in der Altstadt akut gefährdet. «Es braucht nicht viel, bis die Kunden ausweichen», mahnt er. Zusammen mit der Jungen Altstadt versuche man nun in weiteren Diskussionen mit dem Sicherheitsdepartement Lösungen zu finden die «einer Einkaufsstrasse würdig» seien.

Und die FDP? «Einen Vorstoss, der präziser formuliert ist und kulturelle und politische Aktionen ausklammert, würden wir durchaus prüfen», sagt Feer. Beantworten müsste ihn Stadträtin Barbara Günthard-Maier, eine Parteikollegin.

Anhang zum Artikel (ebenfalls im Landboten):

Gratis-Klaviere: Die Kultur-Offensive der FDP

Dass FDP-Fraktionspräsident Stefan Feer mit Strassenmusik argumentiert, dürfte kein Zufall sein: Erst vor wenigen Tagen reichte er eine Interpellation ein, die den Stadtrat auffordert, die Idee von «Free Pianos», also im öffentlichen Raum aufgestellter Gratis-Klaviere zu prüfen, wie man dies etwa aus Berlin kennt. «An diesen Pianos kann jeder und jede BürgerIn auf einfache Art und Weise einen Beitrag zum kulturellen Leben leisten», argumentiert Feer. Sein Vorstoss ist einer von nicht weniger als sechs Vorstössen im Kulturbereich, welche die FDP im Januar lanciert hat. So wird die Stadt aufgefordert, eine gesetzliche Grundlage für die Kulturfinanzierung zu schaffen, die festschreibt, zu welchen Regeln die Stadt kulturelle Projekte finanziell unterstützt. Die Vermarktung der Kunstsammlungen soll auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. Des weiteren wird gefordert, einen zentralen Platz als «Platz der Künste» zu definieren, wo Kulturschaffende gratis ausstellen oder auftreten können. Zudem solle Winterthur für sich eine eine Kulturmarke erarbeiten und mittelfristig sogar eine Kandidatur als Kulturhauptstadt Europas prüfen.

 

LESERBRIEF

Der WAHRE Grund, warum FDP + GLP das Postulat zur Eindämmung der Spendensammelplage abgelehnt haben

Sorry, aber der Landbote hat mit der Story über das abgelehnte Postulat zur Eindämmung der Spendensammelplage wieder mal einen Käse abgelassen. Die FDP hat doch nicht wegen der Strassenmusiker das Postulat abgelehnt, sondern aus einem ganz anderen Grund: FDP-Bundesrat Didier Burkhalter ist Botschafter von Pro Juventute. Und Pro Juventute arbeitet mit der Sammelfirma Corris zusammen (die Sammler sind ja von Corris). Das gleiche gilt für die GLP: GLP-Gründer und -Parteichef Martin Bäumle ist Präsident von Green Cross. Green Cross ist Corris-Kunde.

Kevin Brutschin

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