RTBF-Beitrag (Belgien) von letztem Jahr: „Spendensammler – das andere Gesicht der humanitären Spende“ (Feb 2017/4)

von kevinbrutschin

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Anlässlich des vor Kurzem geschehenen „Einfalls“ des Spendensammelkonzerns „ONG Conseil“ in die Deutschschweiz (Post 3/Feb 2017) habe ich mal etwas im Internet darüber gestöbert. Und siehe da – gibt recht aktuellen, bzw. letztjährigen, brisanten Beitrag zu finden; vom öffentlich-rechtlichen belgischen Sender RTBF (1.3.2016). Und wenn wir schon dabei sind noch ganz interessante weitere Hintergrundinfo dazu: Der ONG Conseil-Gründer heisst Jean-Paul Kogan-Recoing, und ist nichts anderes als der einstige Greenpeace-Mann, der das Sammelsystem in Frankreich eingeführt hat (Greenpeace war die erste Organisation, die auf die verheerende Strassensammel-Kooperation mit Privatfirmen gesetzt hat). Da sicherlich ein Teil der Leserschaft froh darum ist, habe ich Text vom Französischen ins Deutsche übersetzt:

 

Bildergebnis für ong conseil

Immer schön lächeln – ONG Conseil-Spendensammelnde, äh, -Manipulierende (hier fürs Rote Kreuz) wissen wie

 

SPENDENSAMMELNDE: DAS ANDERE GESICHT DER GEMEINNÜTZIGEN SPENDE (RECRUTEURS DE DONATEURS: L’AUTRE FACE DU DON HUMANITAIRE)

Sie haben sie schon gesehen auf der Strasse… sehr oft sind sie jung – und sprechen Sie für eine Spende im Namen der guten Sache an. Man nennt diese Sammelnden „recruteurs de donateurs“ (Spenderanwerbende). Mit SpenderIn sind natürlich Sie gemeint! Sie werden gefragt, ob Sie bis auf Weiteres 10 Euro im Monat oder mehr für Oxfam, Amnesty, Plan Belgique oder das Rote Kreuz zu spenden bereit seien. Aber wer sind diese Sammelnden eigentlich genau? Sind sie bezahlt oder freiwillig? Machen sie das aus Überzeugung, wegen dem Geld oder aufgrund von beidem (Anmerkung des Blogbetreibers: Also mindestens Priorität müsste ja die Überzeugung haben.)? Einige Antworten:

 

Kommerzielle Dienstleistung

Nicht-Regierungs-Organisationen („Non-Governmental-Organizations“, bzw. NGOs), brauchen für ihre Projekte Spendengeld. Für eine dieser Geldquellen stehen Fördermitgliedschaften, d.h. regelmässige Spenden durch Mitgliedschaften, welche eine gewisse finanzielle Sicherheit bieten, da wiederkehrend. Für die Anwerbung, welche oft auf den Strassen stattfindet, beauftragen die ONGs Privatunternehmen, die dafür oft auf Studierende zurückgreifen. Auf dem belgischen Markt gibt es beispielsweise Appco, Pepperminds, Activate, Directresult und vor allem ONG Conseil.

Diese Firma stellt also junge Leute an, die zu Spendensammlern & -Sammlerinnen mutieren. Sie werden mit 10 Euro Stundenlohn bezahlt. Andere Agenturen bezahlen auch Provisionen (teilweise leistungsbezogener Lohn).

Aber wie funktioniert das auf dem Terrain? Wir haben ein paar Meinungen von sammelnden Studierenden, die gedacht haben, mit ihrer Arbeit den Leuten und Organisationen zu helfen, eingeholt. Diese stellten hingegen fest, dass in erster Linie „Umsatz machen“ gefragt ist. Im Speziellen ist eine bestimmte Menge Mitgliedschaften zu schreiben. Manche sprechen gar von „Erpressung“. Wir sind dem nachgegangen.

Inkognito-Anstellung

Alison, unsere Journalisten-Praktikantin liess sich mit falscher Identität anstellen von ONG Conseil. In der kurzen Ausbildung machte man ihr zu verstehen, dass mindestens drei Mitgliedschaften pro Tag geschrieben werden müssten. Danach war sie Teil eines Sammelteams in den Strassen von Brüssel. Sie kann den Dauerdruck auf dem Terrain bestätigen. So gab es dreimal am Tag eine Evaluationsrunde mit dem Teamchef, ob man im Plan ist. Dieser beständige Druck trieb mitunter seltsame Blüten.     

„Falsche“ Mitgliedschaften

Einige liessen jeweils gleich ihre Eltern unterschreiben. Andere gingen aber noch wesentlich weiter: Sie füllten die Mitgliedsformulare einfach selbst mit einer falschen Adresse und Konto-Nummer aus. Selbstverständlich kommt ONG Conseil dem bei der Kontrolle auf die Schliche. „Wir telefonieren den angeworbenen Spendern & Spenderinnen jeweils. Man bedankt sich und kontrolliert die Informationen. Ja, wir wissen, dass manche mogeln. Wir werden mit den Betroffenen kaum weiterarbeiten.“ präzisiert Frédéric Brocvielle, der Geschäftsführer von ONG Conseil. Und ergänzt: „Wir machen keinen Druck auf die Sammelnden. In unseren Leitlinien gibt es keine Anweisungen, sich mit dem Sammeln schwer tuende Personen noch zusätzlich unter Druck zu setzen. Wir betonen stattdessen deren Qualitäten…“

Da scheint es in diesem Sinne einen ziemlich grossen Widerspruch zu geben zwischen dem, was auf dem Terrain erlebt wurde und den Leitlinien des Managements. Und die jungen Sammelnden erleben auch das andere Gesicht des gemeinnützigen Sektors.

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